Eröffnungsrede

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Mit der Ausstellung hier im Tiefparterre sind die Werke der Künstlerin zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen. Tiefe Oberflächen: a continous history of doubting lautet der Ausstellungstitel. Tiefe Oberflächen – diesen Begriff hat sich Ergenzinger von Manfred Fassler entlehnt, der unter diesem Titel ein Buch zu Virtualisierung, Visualisierung und Bildlichkeit veröffentlicht hat. Wenn Sie Ergenzingers Arbeit im Tiefparterre gesehen haben, verstehen Sie den Zusammenhang. Es geht um jene Oberflächen, die die Hintergründe gestalten, an denen wir uns im Raum orientieren. Es geht um unseren Bezug zur Realität. Und hier kommen gleich die Zweifel mit ins Spiel, die im zweiten Teil des Titels anklingen: A continuous history of doubting. Auf Englisch, da dieses Textfragment in einem Gespräch von Ergenzinger mit dem südafrikanischen Künstler und Filmemacher Aryan Kaganof diskutiert wurde. (Sein Film über die Künstlerin ist übrigens im Eingangsbereich zu sehen.)

Eine fortlaufende Geschichte des Zweifelns. Damit bezieht sich die Künstlerin auf das Prozesshafte unserer Wahrnehmung, auf die Subjektivität und die Instabilität der Parameter, mit denen wir unsere Umgebung erfassen und bewerten. Nicht ist, wie es scheint und nichts bleibt, wie es war.

Mit der Installation im Tiefparterre bietet Ergenzinger nun eine Versuchsanordnung an, um ebendiese Instabilität erfahrbar zu machen. Mit Schleuse, so heisst die Arbeit, hat sie einen temporären, offenen Raum innerhalb des Ausstellungsraums konstruiert, der die Gegebenheiten des realen Raumes, etwa die Säulenstruktur im Tiefparterre mit einbezieht. Die Schleuse besteht aus einem System aus Projektionswänden und Spiegelflächen. Durch die projizierten Lichtlinien werden die Oberflächen des Raums ständigen Veränderungen unterworfen und müssen von den Besuchern mit Schritten und Blicken abgetastet werden. Die Orientierung in der Dunkelheit des Tiefparterres findet nur anhand der Lichtstrahlen statt, die wie Suchlichter wirken, aber immer andere, neue Wege aufzeigen und weder Sicherheit noch Stabilität bieten. Horizontlinien verschieben sich, der Boden scheint sich zu heben, Wände werden schmaler und verschwinden im Dunkel, die vertikalen Säulen werfen Spiegelbilder. Der scheinbar statische Raum wird durch das Licht in Bewegung versetzt.

Indem die Lichtzeichen von den Projektions- und Spiegelwänden zurückgeworfen und verzerrt werden, aktivieren sie das räumliche Wahrnehmungsvermögen und den Orientierungssinn der BesucherInnen und üben gleichzeitig einen starken affektiven Sog aus. Kein Mensch kann sich der suggestiven Kraft von Licht in einem dunkeln Raum entziehen. (Wir können diesbezüglich gespannt sein das Gespräch mit dem Lichtarchitekten Charles Keller bei der Nocturne vom 10. Oktober). Durch die Lichtführung verändert sich ein Raum, es verändert sich seine Stimmung und dadurch auch unsere eigene. Mal fühlen wir uns innerhalb des erhellten Raums wunderbar geborgen und warm, dann wieder verengt er sich unangenehm, schliesslich bleiben wir ganz im Dunkeln stehen. Diesen künstlich generierten, emotionalen Impulsen sind wir quasi unterworfen. Dabei legt Ergenzinger, im Gegensatz zu immersiven Strategien in der Kunst, bei denen die Illusionsmaschinerie wie beim Kino verborgen bleibt, die Konstruiertheit ihrer Anordnung bewusst offen.

Ihre drei Lichtmaschinen stehen sichtbar im Raum und sind nichts anderes als umgebaute Overheadprojektoren, deren Teile mit Schrittmotoren einzeln beweglich und programmierbar gemacht wurden. Abgesehen von der aufwändigen technischen Umbauarbeit finden hier interessante Übersetzungsmomente statt, da die digital-virtuell anmutenden, multiplen Lichtprojektionen auf geradezu archaischen, analogen Lichtmaschinen beruhen, deren Bewegungen aber wiederum präzise digital vorprogrammiert sind. Mit diesen drei Zeichenmaschinen hat die Künstlerin eine Komposition programmiert, in der die x-fachen Kombinationsmöglichkeiten in einen bestimmten, rhythmischen Ablauf gebracht werden.

Ergenzinger entwickelt ihre Projekte immer aus der Zeichnung heraus. Auf den ersten Blick scheint die Handzeichnung nicht viel mit der Zeichnungsmaschine zu tun haben. Oder anders gefragt, wie kann es sein, dass eine technisch virtuose Medienkünstlerin wie Kerstin Ergenzinger die althergebrachte Handzeichnung als den Anfang und als die Grundlage ihres Schaffens ansieht? Vielleicht sind aber die beiden Bereiche gar nicht so strikt trennbar, wie es auch im Konzept der so genannten „Wunschmaschine“ von Deleuze und Guattari anklingt. Die Wunschmaschine steht für unsere ständige, oft unbewusste, aber Wirklichkeit generierende Interaktion mit der Welt. Für Ergenzinger bedeutet das Zeichnen von Hand eine abstrahierende Übertragung von ihrer räumlichen Wahrnehmung. Das Zeichnen macht die Dinge aber nicht nur erfassbar, sondern verändert gleichzeitig den eigenen Blick auf diese. Mit ihren Maschinen zielt die Künstlerin auf genau dieselben Prozesse ab. Das heisst, in Ergenzingers Lichtinstallation nimmt die Besucherin die neu entstehenden Räume wahr und dieses Wahrnehmen wirkt sich gleichzeitig auf ihr Verhalten innerhalb dieser Räume aus. Es ist ein ständiges Abtasten und Adaptieren im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn. Und da der Mensch festen Boden unter den Füssen braucht, um sich in der Welt zu orientieren, gilt für Ergenzinger und ihre Arbeit folgendes Zitat von Deleuze in besonderem Masse: „nichts ist beunruhigender als die stetige Bewegung dessen, was unbeweglich scheint.“

Da nun Ergenzinger die räumliche als auch die emotionale Positionierung des Publikums durch die Lichtführung, ja die Manipulationen des Publikums offen legt, schafft sie mit Schleuse die besondere Situation einer „Mixed Reality“. Darin wechselt sich beim Betrachter das Gefühl der Immersion mit einer kritischen Distanz ab und erlaubt dadurch die Reflexion über das eigene Sehen. Die Künstlerin interessiert sich ganz besonders für diesen Zustand, in dem man gleichzeitig drinnen und draussen ist, d.h. in dem man sich verführen lässt und gleichzeitig die Verführungsmechanismen nachvollzieht. Genau darin liegt das Potential und – wie die Künstlerin im Film sagt – die Macht der Kunst.

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken bei Kerstin Ergenzinger für ihre grosse Arbeit, beim Team des Kunstraums für die tatkräftige Unterstützung und bei Richard Tisserand

Dr. Katharina Ammann, Kuratorin


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