in Vermessen Strategien zur Erfassung von Raum

Kerstin Ergenzinger untersucht in ihren Arbeiten das menschliche Bedürfnis nach Orientierung und stabiler Basis. Die Installation Studie zur Seh_n_sucht steht für die ständigen Suchbewegungen und Adaptionen unserer Wahrnehmung, um festen Boden unter den Füssen zu spüren.

Vorausgegangen sind auch dieser Arbeit unzählige, auf Wanderungen entstandene Skizzen von Horizontlinien, Berg- und Bodenformationen, um aus der linear festgehaltenen Wirklichkeit eine universale Gesetzmässigkeit, wiederkehrende Raum- und Grössenverhältnisse herauszulesen, die in das strukturelle Gerüst der Bodeninstallation einfliessen.

Unter den grauen, massig wirkenden Polymerschaummatten verläuft ein Netz aus Drähten (Flexinol), die sich wie Muskeln zusammenziehen und ausdehnen können. Gesteuert werde sie aus ihren Gelenkscharnieren, die wie geodätische Fixpunkte der Formbestimmung des Berggebildes dienen. Die Mobilisierung verläuft zum einen gemäss eines digital vorprogrammierten Musters, zum andern durch laufend erfasste Daten eines selbst gebauten Seismographen und eines Geophons. Damit vermisst die Künstlerin einerseits den "mikroseismischen Grundpuls der Erde", andererseits die Erschütterungen durch die Anwesenden. Ihre Landschaft wird so in eine ständige, manchmal zuckende, machmal atmende Bewegung versetzt, die nicht nur befremdlich lebendig wirkt, sondern gleichzeitig die Stabilität unserer Welt als eine blosse, auf die Landschaft projizierte Sehnsucht enthüllt.

Noch stärker als auf die reale Veränderlichkeit der Natur durch tektonische, erosive, geologische Kräfte bezieht sich Ergenzinger auf das Empfinden von Raum. Wenn sie nun mit dieser interaktiven Installation unsere Wahrnehmung technisch-medial erweitert so manifestiert sich darin die Ahnung, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Ort, zwischen Mensch und Natur nie gegeben , sonder das Resultat komplexer kulturtechnischer und unbeständiger subjektiver Konstruktionen sind.

Dr. Katharina Ammann


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