Samstag 1. November 2008

Thurgauer Zeitung – Unabhängige Tageszeitung für den Kanton Thurgau

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 Archiv - Montag 13. Oktober 2008, Kultur
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© Thurgauer Zeitung


Licht im Labor und im Lebensraum
Der Kunstraum Kreuzlingen lud den Lichtarchitekten Charles Keller und die Künstlerin Kerstin Ergenzinger zum Gespräch. Zwei Positionen begegneten sich: Laboratorium versus Lebensraumgestaltung.
kreuzlingen – «Es werde Licht», eröffnete die Gastkuratorin Katharina Ammann am Freitag die «Nocturne» im Tiefparterre des Kunstraumes, wo noch bis zum 21. Dezember die Lichtinstallation «Schleuse» der Medienkünstlerin Kerstin Ergenzinger zu sehen ist. Geladen waren die Künstlerin selbst und der Lichtarchitekt Charles Keller aus St. Gallen. Die beiden machten sich Gedanken zum Thema Licht und Lebensraum.
Suggestivkraft des Lichtes
Das Ambiente der Lichtinstallation im Untergeschoss des Kunstraumes verlieh der Veranstaltung etwas Experimentelles. Eine Künstlerin traf hier auf einen Architekten. Beide gestalten mit Licht: suchend, inszenierend, produzierend und manchmal provozierend zeigt die Künstlerin Ergenzinger die Suggestivkraft von Licht auf. Sie legt die Mechanismen der Wahrnehmung offen, sodass sich der Besucher verführen lassen kann und gleichzeitig darüber nachsinnen kann, wie ihm geschieht. Der Lichtarchitekt Keller dagegen gestaltet Lebensraum mit Licht und hat die Massgabe des menschlichen Wohlbefindens vor Augen, neben allen bautechnischen Reglementierungen, die ihn in seinem Schaffen einengen.
Dennoch: Keller erzählte drei Momente der «Erleuchtung», drei wichtige Lichterlebnisse, die ihn in seinem Leben berührt hätten: der Türspalt von einem Krankenlager aus gesehen, der Besuch der Klosterkirche La Tourette von Le Corbusier und die Kerze in einer Steinnische in Syrien. Diese Erlebnisse hätten Kellers Wahrnehmung sensibilisiert. In diesen Momenten der Erinnerung und des Erzählens wurde die Leitfrage dieses Architekten offenbar.
Es ist die Frage: «Wann glückt Licht?», eine Frage, die in der alltäglichen Gestaltung von Lebensraum viel zu selten gestellt wird und die durch die Frage: «Was bedeutet dies?» ergänzt werden könnte. Die Künstler Kerstin Ergenzinger dagegen hatte weniger die gute Anwendung des Lichtes im Auge, als vielmehr das suchende Experiment und den künstlerischen Diskurs.
Forschende Dimension
Ergenzinger leistet künstlerische Feldforschung. Sie hat alle Freiheit auf der Klaviatur der Lichtstimmungen zu spielen, denn sie gestaltet keinen Lebensraum. Sie gestaltet vielmehr Vergängliches und zeigt im Rückgriff auf mechanische, selbstgebaute Lichtmaschinen die Mechanismen auf, die bestimmte Stimmungen produzieren können: Ein sich senkender Horizont, eine schiefe Ebene, Lichtlinien, die den vertrauten dreidimensionalen Lebensraum in Frage stellen haben eine stark emotionale Wirkung.
So hat der Gesprächsabend im Kunstraum Kreuzlingen doch sensibilisiert für das Thema Licht in der Kunst und im Alltag. Kunst zeigte sich hier in ihrer forschenden Dimension – aber auch im Alltag gilt: wer Augen hat zu sehen, der sehe!
lDOROTHEE KAUFMANN
Installation «Schleuse»
Bodanstrasse 7a, bis zum 21. Dezember. Fr: 15–20 Uhr, Sa und So: 13–17Uhr
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