Wettbewerbsentwurf Denkmal.für.die.Opfer.der.NS.Militärjustiz

auf.Einladung.vom.NS.Dokumentationszentrum.der.Stadt.Köln 2009






Zum Wettbewerbsentwurf Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz

Ausgangspunkt meines Entwurfs ist das den Standort dominierende Leitsystem, das Regelwerk der Straßenverkehrsordnung. Ich nutze den Funktionszusammenhang des Platzes als strukturelles Beispiel für ein vorherrschendes Ordnungssystem sowie das Verhalten der Passanten als konstituierenden Bestandteil, um das Denkmal formal und inhaltlich mit dem Ort zu verknüpfen. Indem ich die vorhandene architektonische sowie graphische Zeichensprache aufgreife, unterstreiche und befrage ich Inhalte, mit dem Ziel Bedeutungen zu verschieben und zu generieren.
Verkehrsregeln und Verkehrszeichen lösen in uns meist automatisierte Handlungsketten bzw. Verhaltensweisen aus, denen wir meist, ohne weiter nachzudenken, folgen.. Auf dieser grundsätzlichen Möglichkeit, Menschen zu leiten und zu steuern, basieren jegliche Kontrollpraktiken. Sie sind nie einfach 'auf ein Mal' da, sondern breiten sich über gezielte Indoktrination schleichend aus, brennen sich ein, ähnlich wie es Foucault als Mikrophysik der Macht beschrieben hat.
So auch die langjährige Erziehung unzähliger Menschen durch alle Bevölkerungsschichten zu passiven oder aktiven Vertretern eines militaristischen und nationalistischen Gedankenguts, wie sie Manfred Messerschmidt in seiner Vorgeschichte des deutschen Nationalismus beschreibt1. Sie bereitet den Boden für den gnadenlosen Umgang mit Deserteuren, Kriegsgegner, Kriegsverrätern..., sowie für ihre fortgesetzte Stigmatisierung nach 1945 und ihre bis heute sehr unzureichend realisierte Rehabilitation und Entschädigung.
Die existenziell zugespitzte Situation eines Deserteurs, der Akt der Fahnenflucht, des Landes- oder Kriegsverrats: eines sich verweigernden Individuums, verweist auf einen grundlegenden Konflikt des Einzelnen mit der Gemeinschaft bzw. ihren Repräsentanten. Dieser ist nicht grundsätzlich zu lösen, er wird immer eine sensible Nahtstelle bleiben, die leicht aufbricht und zur offenen Wunde wird. In der Bewertung und ihrem Umgang mit diesem Verhältnis definiert und offenbart sich das Wesen einer Staatsform. (Darf man überhaupt verlangen, dass jemand für einen Staat stirbt...)

Ich folge mit meinem Ansatz Hannah Arendts Gedanken, dass es zwar angreifbar ist, sich mit einer Anklage im Sinne 'warum habt ihr Folge geleistet ?' zu distanzieren und sich zur moralischen Instanz zu erheben, ohne dass man weiß, wie man selbst in einer vergleichbaren Situation gehandelt hätte; es aber dennoch notwendig ist, so oder ähnlich zu fragen, bzw. das eigene Handeln sowie das der Anderen zu befragen, sich weder in kollektiver Schuld noch kollektiver Unschuld zu verstecken. Arendt beschreibt Verhältnisse, in denen die

" Gewalt absolut herrscht, wie z.B. in den Konzentrationslagern der totalen Herrschaft, da schweigen nicht nur die Gesetze - les lois se taisent ca, hieß es in der französischen Revolution , sondern alles und alle. Um dieses Schweigen willen ist die Gewalt im politische Bereich ein Grenzphänomen, denn der Mensch, sofern er ein politisches Wesen ist, existiert in dem Miteinander sprechen..."

Und dort spielt auch die Individualität eines Menschen keine Rolle mehr. In diesem Sinn kann man militärische oder zivile Verweigerung in spezifischer Weise als ein Heraustreten aus der Stummheit sehen, aus einer Entmenschlichung (Trennung von Handeln und Sprechen) wie sie z.B. der Krieg erzwingt.
Ich denke dieses Denkmal installativ als sich artikulierende Situation und nicht als Gegenstand. Vom Dom kommende Passanten bewegen sich meist auf dem Bürgersteig gegenüber liegend des Standorts, bzw. tauchen andernfalls oft direkt in die U-Bahn ab. Ein Großteil der Passanten Richtung Dom nutzt automatisch den doppelten Zebrastreifen, um meist zielstrebig den kleinen Platz zu durchqueren. Ausgehend von dem vorhandenen Leitsystem des Zebrastreifens schlage ich vor, die Wegmarkierung in den Platz hineinzuziehen, und sie sich in der Zeichensprache von transkribiertem Morsecode in den Worten:

wohin folgst du wem gehorchst du und warum ?
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auflösen zu lassen und über den Platz zu verteilen.

Es handelt sich um einen großflächigen, in der Horizontalen Raum einfordernden Eingriff, der versucht, eine bestehende Ordnung umzuschreiben; jedoch anti-monumental und nicht mit dementsprechend überwältigenden Gestaltungsprinzipien arbeitend, da der Deserteur in von Monumentalität und Hierarchien geprägten Bewertungssystemen als Feigling und Verräter gilt.

Eine feine, nicht unbedingt sofort ersichtliche Verformung, ähnlich einer Welle, die von einem Druckpunkt aus angeschoben wurde, breitet sich zusammen mit den Zeichen am Boden aus. Sie steht für Initiativen und Veränderungen, die von der Basis ausgehen, sowie es sich durch die gesamte bisherige Aufarbeitungsgeschichte der NS-Militärjustiz zieht. Ihr gegenüber steht die repräsentative Vertikale der Gerichtsfassade.

Der Boden soll so beschaffen sein, daß ein Passant die eingeschlagene Richtung nicht einfach so zielstrebig fortsetzt, allerdings nicht behindert wird, sondern irritiert aufmerkt, ob der leichten Verformung, den sich verändernde Zeichen, so wie einer relativen Weichheit des Bodenbelags im Bereich des Morsecodes und der an- und abschwellenden Bodenhöhe.

Am Ende, der Bodenmarkierung befindet sich ein zur 'Morseampel' umfunktioniertes Verkehrszeichen, das sich mit 2 Lichtelementen und einem akustischen Signalgeber sowohl in Richtung des Platz artikuliert, als auch die Fassade des Gerichts adressiert. Entsprechend dem permanenten Tocken einer Ampel, um für Sehbehinderte ihren Standort zu signalisieren, sendet sie auf einer anderen, ebenfalls tiefen Frequenz, die akustische Übersetzung des Morsetexts. Gleichzeitig pulst die dem Platz zugewandte, orange-rote Ampelleuchte tagsüber im Rhythmus des Codes. Im Dunkeln projiziert ihn die andere mit einem eingebauten LED-Architekturscheinwerfer, als runden Fleck an die Fassade des Gerichts an einen Punkt zwischen die Fensterflächen.

Berührt man das Schaltelement ertönt zusätzlich als temporäres akustisches Signal die Übersetzung des codierten Texts. Eher beiläufig pfeifend, summend, monoton als Mischung aus den Worten 'wohin folgst du, wem gehorchst du und warum' und der einprägsamen Melodie des im 3.Reich sehr erfolgreichen Marschlieds 'es zittern die morschen Knochen' von Hans Baumann, einem Lieddichter der Nationalsozialisten und Kinderbuchautor nach 1945.

Um den Ampelpfeiler soll ein Schild mit der vorgesehenen Widmung und einer Webadresse z.B. www.OpferderNS-Militaerjustiz.de angebracht werden.

Ich schlage vor, mit einer Internetpräsenz die bisherige Aufarbeitungsgeschichte, relevante Initiativen, Forschungen und Veröffentlichungen, so wie aufgearbeitete Schicksale in einer Datenbanken zu bündeln und alle weiteren Entwicklungen zu integrieren.

Bezüglich der Opfer der NS-Militärjustiz herrscht weit verbreitetes Halbwissen und Unkenntnis, wie ich es auch an mir selbst und in vielen Gesprächen während der Recherchen feststellen musste. Ich denke es ist wichtig, dass eine betreute, sachlich richtige und gut verlinkte Recherchequelle im Netz entsteht, für alle, besonders jedenfalls für die jüngere Generation, da das Thema so noch nicht in den Schulbüchern angekommen ist und Nachholbedarf besteht.

Es sollte ein schlichtes auf die wichtigen inhaltichen Punkte konzentriertes Design und vorallem ein gut programmiertes Content Management System mit Datenbank Einzelschicksale, Zeitleiste nach 1945 mit Nachkriegsurteile, Debatten -Status Quo ff. und Linksammlung Forschung Bücher, Institutionen, Artikel... werden, das einfach zu betreuen und zu aktualisieren ist.















Funktionskizze Morseampel